Byun Shi-Ji · 邊時志
Der Maler, der den Wind verschluckte
Der Maler
2 / 3 · Deutsch
I
Ich bin am Ende zurückgekehrt
Ich bin am Ende zurückgekehrt. Mit sechs Jahren verließ ich diese Insel. Nach
Osaka, nach Tokio, dann nach Seoul. Dazwischen vergingen vierzig Jahre.
Die Leute sagten, ich hätte es zu etwas gebracht. Ich hatte in Japan einen großen
Preis empfangen, mir in den Malerkreisen Seouls einen Namen gemacht, an einer
Universität Studenten gelehrt. Ich hielt das für den Weg.
Doch eines Tages, als ich in meine eigenen Bilder blickte, wusste ich es plötzlich.
Nirgends in diesen Bildern war ich. Da waren die Spuren meiner Lehrer, die Moden
der Zeit, die Techniken des Westens. Nur ich fehlte.
In jener Nacht fand ich lange keinen Schlaf. Vor dem Fenster flossen die Lichter
Seouls, und irgendwo jenseits dieser Lichter — glaubte ich den Klang des Windes
zu hören. Es war der Wind jenes fernen Tages, als ich auf dem Rücken meiner
Mutter fortgetragen wurde.
Ich packte meine Sachen. Man wollte mich zurückhalten. „Was willst du auf jener
abgelegenen Insel?“ Ich konnte nicht antworten. Ich wusste nur dies: Nicht ich ging;
etwas rief mich.
Als ich aus dem Flugzeug stieg und jenem Wind zum ersten Mal wieder begegnete,
wusste ich es. Der Wind war nicht sanft. Als erkennte er mich nicht, stieß er mich
grob, blies mir Salz in die Kleider und schlug mir zweimal von hinten auf die
Schulter. Und diese raue Berührung war, seltsam, nicht fremd. Es war eben jener
Wind, den ich als Kind auf dem Rücken meiner Mutter empfangen hatte.
Meine Mutter nannte diesen Wind Halmang — die Großmutter. Sie sagte, er
komme am ersten Tag des zweiten Mondmonats vom westlichen Meer, bleibe
fünfzehn Tage und gehe. Sie schärfte mir ein, nie zu vergessen, Reiskuchen zu
dämpfen und sie am Ufer darzubringen. Ein kleiner Teller Reiskuchen, der salzige
Wind des Meeres und der Geruch der Hände meiner Mutter.
Wenn ich durch die Straßen Tokios ging, wenn ich in einem Atelier in Seoul den
Pinsel hob — nie rief ich mir den Namen jener Halmang ins Gedächtnis. Nicht ein
einziges Mal in vierzig Jahren. Man hatte mich gelehrt, es sei Aberglaube; ich hielt
es für einen törichten alten Brauch.
Doch in dem Augenblick, als ich aus dem Flugzeug stieg — kehrte der Name zuerst
in den Körper zurück. Was mein Kopf nicht erinnerte, erinnerten meine Schultern.
Der Wind, der mein Gesicht berührte, rief mich mit der Stimme meiner Mutter.
Ich war nie fortgegangen. Ich war nur lange, sehr lange — auf dem Rückweg
gewesen.
II
Ich stand mit leeren Händen
Ich stand mit leeren Händen. Im ersten Jahr nach meiner Rückkehr konnte ich
nichts malen.
Ich richtete ein Atelier ein, stellte eine Leinwand auf, legte die Farben bereit. Ich
hob den Pinsel — aber die Hand bewegte sich nicht. Ich wusste nicht, was ich
malen sollte.
Die Techniken, die ich in Tokio gelernt hatte, waren fremd auf diesem Boden. Die
Landschaften, die ich in Seoul gemalt hatte, gab es hier nicht. Alles, was ich besaß,
war an diesem Ort ohne Nutzen.
Ich schämte mich. Ein Mensch, der vierzig Jahre gemalt hatte, stand vor einer
leeren Leinwand wie ein Kind.
Ich schloss die Tür des Ateliers und ging hinaus auf die Felder. Nicht um etwas zu
sehen. Ich wollte nur dort sein. Auf der Erde dieses Landes, im Wind dieses Fūdo.
Die Sonne ging auf und unter. Das Gras schwankte, ein Pony zog vorbei. Ich tat
nichts. Ich sah nur. Es gab Tage, an denen meine Schritte lange vor einem einzigen
niedrigen strohgedeckten Haus innehielten. Vor seiner Form sah ich zuerst seine
Haltung. Dort stehend lernte ich langsam, dass ein Bild nicht eilen darf.
So verging ein Jahr. Die Leute müssen gedacht haben, ich hätte das Malen
aufgegeben. Manchmal dachte ich es selbst.
Doch blicke ich heute zurück — jenes Jahr war das wichtigste Jahr. Es brauchte
ein Jahr, alles niederzulegen, was ich in den Händen hielt. Es brauchte ein Jahr,
mit leeren Händen dazustehen.
Dass nur eine leere Hand empfangen kann, was das Fūdo in sie legt — das wusste
ich damals noch nicht. Ich wartete nur.
III
Ich sah die Farbe des Grases
Ich sah die Farbe des Grases. Es war Spätherbst jenes Jahres. Ich saß draußen auf
den Feldern, streckte gedankenlos die Hand aus und brach einen einzelnen
Grashalm. Ich legte ihn auf meine Handfläche und sah ihn lange an.
Es war seltsam. Vierzig Jahre hatte ich gemalt, und nie hatte ich die Farbe eines
Grashalms gesehen. Ich hatte sie grün genannt und war vorübergegangen; ich hatte
sie welkes Blatt genannt und vergessen.
Doch an jenem Tag ließ sich der Halm auf meiner Handfläche — mit keinem
Namen nennen. Es war eine Farbe, die das Grün des Sommers zu Ende gelebt hatte.
Eine Farbe, in der Herbstsonne langsam getrocknet. Eine Farbe, unzählige Male
vom Wind gestrichen, im Salz gereift. Eine Farbe, von der Zeit geformt; eine Farbe,
vom Fūdo gezogen.
Es war nicht Gold. Gold ist zu prächtig. Es war nicht Braun. Braun ist zu dunkel. Es
war — die Farbe getrockneten Grases. Es gab keinen anderen Namen. Diese Farbe
war nur sie selbst.
Ich trug den Halm zurück ins Atelier. Ich begann, Farben zu mischen. Dutzende
Male scheiterte ich. Mischte ich gelbe Erde hinein, wurde es zu schwer; mischte ich
Gelb hinein, zu leicht. Wollte ich die Erinnerung an das Grün beleben, wurde es zur
Lüge; betonte ich nur die Trockenheit, wurde es eine tote Farbe.
Tage später, als die Farbe endlich auf der Leinwand aufstieg — hielt ich die Hand
an und sah lange hin. Nicht ich hatte sie gemacht. Das Fūdo hatte sich meine Hand
geliehen und seine eigene Farbe gemalt.
An jenem Tag wusste ich zum ersten Mal: Ein Bild — ist nichts, was ich male.
IV
Ich stand dem Pony gegenüber
Ich stand dem Pony gegenüber. An dem Tag, als ich dieses Tier zum ersten Mal auf
den Feldern sah, konnte ich mich lange nicht bewegen.
Es war ein kleines, mageres Pferd mit zerzauster Mähne. Nicht groß wie die Pferde
des Festlands, ohne Glanz. Kein Rennpferd, kein Zugpferd. Nur ein altes Tier, das
allen Wind, allen Regen und alle Sonne dieses Landes ausgehalten und überlebt
hatte.
Es sah mich an. Ich sah es an. Etwas Seltsames geschah.
Im gebeugten Rücken des Tieres — sah ich meinen eigenen Rücken. In seinem
hängenden Hals — meinen eigenen Hals. In seiner vom Wind gestrichenen Mähne
— mein eigenes Haar, heimgekehrt nach vierzig Jahren des Umherziehens. Ich
schämte mich, und ich war froh.
Auf dem Festland hatte ich ein großes Pferd malen wollen. Ein Pferd mit
glänzenden Muskeln und wehender Mähne, voller Hoheit. Die Art Pferd, die die
Maler des Westens gemalt hatten. Aber ein solches Pferd gab es in diesem Land
nicht. Hier gab es — ein Pferd, das mir glich. Einen Fortgedrängten, einen
Kleingewordenen, und doch einen, der am Ende nicht ging.
An jenem Tag kehrte ich ins Atelier zurück und malte zum ersten Mal ein Pony. Ich
malte es nicht groß. Ich malte es nicht prächtig. Nur wie es war — den gebeugten
Rücken, den hängenden Hals, die zerzauste Mähne.
Als das Bild fertig war und ich einen Schritt zurücktrat, lächelte ich. Es war kein
Porträt eines Ponys. Es war — mein erstes Selbstbildnis.
V
Ich nahm die Krähe an
Ich nahm die Krähe an. An einem Wintermorgen saß ein schwarzer Vogel am
Fenster meines Ateliers. Eine alte Krähe, mager, mit einem trüben Auge. Ein Vogel,
der zurückblieb, als die anderen Vögel in Schwärmen davonflogen.
Ich verjagte sie nicht. Ich sah sie nur an, von Angesicht zu Angesicht.
Man sagte, die Krähe sei kein Vogel des guten Vorzeichens. Als ich ein Kind war,
streute meine Mutter Salz, wenn eine Krähe rief; sie bringe Unglück. Lange hatte
auch ich es so gelernt und so geglaubt.
Doch an jenem Morgen war die Krähe am Fenster — nichts zum Fürchten. Sie war
nur eine, die nicht fortkonnte. Eine, aus dem Schwarm gedrängt, eine, die die Welt
mit einem Auge sah. Und — eine, die am Ende diesen Ort nicht verließ.
Ich erkannte es. Etwas in diesem Vogel war auch in mir. Einer, von den
Malerkreisen des Festlands fortgedrängt. Einer, der die Welt mit einem Auge
gesehen hatte — vielleicht mit dem falschen. Und doch einer, der am Ende seinen
Ort nicht verließ.
Von jenem Tag an begann ich, Krähen zu malen. Die Leute wunderten sich.
„Warum ausgerechnet die Krähe? Es gibt Elstern, es gibt Reiher.“
Ich konnte nicht antworten. Ich wusste nur. Die Krähe ist weder gutes noch böses
Vorzeichen. Die Krähe ist — das Gesicht derer, die in diesem Fūdo ausgeharrt
haben. Das Gesicht dessen, der diesen Ort nicht verließ, der diesen Ort bewahrte,
der am Ende seine eigene Farbe nicht verlor.
Die Krähe in meinen Bildern ist nicht traurig. Sie trägt nur — ein Gesicht, das
lange ausgeharrt hat.
Und ich weiß, dass dieses Gesicht nach und nach meinem eigenen gleicht.
VI
Ich stand im Sturm
Ich stand im Sturm. In jenem Herbst hörte der Wind drei Tage und Nächte nicht
auf. Dächer wurden fortgerissen, Fischerboote zerbrachen, und die Unruhe der
Menschen mischte sich in den Wind.
Ich konnte nicht im Atelier sitzen bleiben. Was mich zog, weiß ich nicht. Nur den
Stab in der Hand, ohne Strohumhang — ging ich hinaus zur Klippe.
Die Wellen erhoben sich wie Berge und stürzten ein. Der Wind stieß mich. Ein
Schritt noch — und ich wäre in dieses schwarze Meer gezogen worden. Seltsam:
Ich fürchtete mich nicht.
Ich breitete die Arme aus. Der Wind riss in meine Kleider, zog einmal durch
meinen Körper und ging hinaus. Zum ersten Mal — wusste ich, was es heißt, im
Fūdo zu sein.
Auf dem Festland hatte ich mich vor dem Regen geschützt. Ich hatte den Wind
abgewehrt und den Sturm gefürchtet. Sie waren Dinge außerhalb von mir, Dinge,
die mich bedrohten. Doch an jenem Tag, auf der Klippe — wusste ich. Das Fūdo ist
nicht außerhalb von mir. Das Fūdo ist — der Ort, in dem allein ich sein kann.
Der Sturm war kein Unheil. Der Sturm war — der Augenblick, in dem das Fūdo
sich am tiefsten zeigt. Und in diesem Augenblick wurde ich endlich ein Teil davon.
Ich kehrte ins Atelier zurück und begann, das Meer zu malen. Mein Meer ist nicht
ruhig. Mein Meer wogt immer. Schwarz, rau, lebendig.
Die Leute fragen: „Warum malen Sie kein friedliches Meer?“ Ich antworte: „Das
Meer, das ich sah, war nie ruhig.“ An jenem Tag auf der Klippe — sah ich das Meer,
das ich mein Leben lang malen würde.
VII
Ich gab meine Farben auf
Ich gab meine Farben auf. Da waren die Farben, die ich aus Tokio mitgebracht
hatte. Kobaltblau, Kadmiumrot, tiefes Ultramarin, leuchtender Zinnober. Feine
Pigmente, aus Europa herübergekommen, jede Tube kostbar. Lange hielt ich sie in
Ehren. Ich gebrauchte sie nicht leichtfertig; ich wischte sie sauber und verwahrte
sie.
Doch während ich auf dieser Insel lebte — spürte ich, wie diese Farben mehr und
mehr fremd wurden. Kobaltblau konnte dieses Meer nicht malen. Dieses Meer war
schwärzer, rauer, tiefer. Kadmiumrot gab es nirgends auf dieser Insel. Auf dieser
Insel gab es keine Farbe, die so schrie. Ultramarin, Zinnober — keine von ihnen
war die Sprache dieses Fūdo.
Eines Tages trug ich diese Farben an einem Ort zusammen. Ich sah sie lange an. Sie
waren der Glanz meiner Jugend, der Beweis meines Aufstiegs, mein Stolz. Aber sie
waren nicht — die Farben dieses Fūdo. Ich warf sie nicht fort. Ich legte sie nur in
eine tiefe Schublade und nahm sie nicht wieder heraus.
An ihre Stelle setzte ich neue Farben. Gelbe Erde, Tusche und die Farbe
getrockneten Grases, die ich mit eigenen Händen gemacht hatte. Sie waren nicht
prächtig. Es waren nur drei.
Die Leute wunderten sich. „Sind das nicht zu wenige? Sie sollten eine reichere
Palette gebrauchen.“ Ich konnte nicht antworten. Ich wusste nur. Ein Bild wird
nicht durch viele Farben reich. Nur wenn die Farben wenige sind — hat jede Farbe
ihren eigenen Ort.
Auf meiner Leinwand sind jetzt nur drei Farben. Aber ich weiß. In diesen drei
Farben — liegt alle Zeit dieser Insel.
Und der Ort, der zwischen den Farben blieb — der leere Raum — war der
schwerste von allen. Der leere Ort war nicht leer. Was nicht gesagt, was nicht
gemalt wurde, und die übrig gelassene Zeit — sie waren darin.
Das Lassen war die schwerste Arbeit von allen. Doch erst nach dem Lassen begann
ich, endlich, zu malen.
VIII
Ich schrieb meinen Namen ein
Ich schrieb meinen Namen ein. Es war kein besonderer Tag. Ein Bild war einfach
zu Ende gekommen, und ich wusch die Pinsel. Da bemerkte ich, dass eine Ecke der
Leinwand leer war. Es war der Ort für eine Signatur. Meine Hand hielt inne.
Lange war es mir schwergefallen, meinen eigenen Namen zu schreiben. Der Name
meiner Tokioter Jahre trug einen japanischen Klang; der Name meiner Seouler
Jahre trug das Gewicht der Malerkreise. Kein Name — passte zu diesem Ort, zu
diesem Bild.
Ich hob den Pinsel und legte ihn wieder nieder. So saß ich lange. Was mich dann
führte, weiß ich nicht. Ich tauchte einen kleinen Pinsel in Tusche und schrieb ein
einziges Zeichen in die Ecke der Leinwand. Ji (志) — der Wille.
Ich schrieb es nicht groß. Ich schrieb es nicht stolz. Nur — als Zeichen, dass ein
Mensch an diesem Ort steht und einen Willen trägt. Es war kein Künstlername,
und es war nicht mein Geburtsname. Es war nur ein Name, den ich mir selbst gab.
Kein Name, den Tokio mir gegeben hatte. Kein Name, den Seoul mir gegeben hatte.
Nicht der Name eines Lehrers, nicht der eines Geschlechts.
An dem Ort, wo ich mit leeren Händen stand, vor dem Fūdo niederkniete und die
Farbe getrockneten Grases in die Arme nahm — war es ein einziges Zeichen, das
aus meinem Innern aufstieg.
Ich sah dieses Zeichen lange an. Ich schämte mich nicht. Endlich — konnte ich auf
ein Bild, das ich gemalt hatte, meinen Namen schreiben.
Doch als die Zeit verging, sah ich: Das eine Zeichen war nicht nur ein Name. Jedes
Bild, das ich in meinem Leben gemalt hatte, trug am Ende einen Willen — so war
das Zeichen Signatur, und es war Titel. Der Name, den ich mir selbst gegeben hatte,
wurde der Titel aller meiner Bilder. Es brauchte vierzig Jahre.
IX
Ich verlor meine Worte
Ich verlor meine Worte. Nach dem Tag, an dem ich meinen Namen einschrieb,
wurden meine Worte weniger und weniger. Besuchern antwortete ich nicht mehr
ausführlich. In Briefen schrieb ich nur kurze Sätze. Es gab Tage, an denen ich kein
einziges Wort sprach.
Manchmal fragte meine Frau leise: „Ist dir nicht wohl?“ Ich lächelte nur. Mir war
nicht unwohl. Es war nur — dass es weniger und weniger zu sagen gab.
Es war seltsam. Auf dem Festland war ich voller Worte gewesen. Ich hatte
Maltheorien entfaltet, mit Gefährten die Nächte durchdiskutiert, über die
Strömungen des Westens und den Geist des Ostens geschrieben. Ich hielt diese
Worte für mein Denken.
Doch als ich in dieses Fūdo kam — wusste ich. All die vielen Worte waren nicht
mein Denken. Sie waren nur — Worte, gesprochen aus Furcht vor der Stille. Hier
war die Stille nicht zum Fürchten.
Als ich zu sprechen aufhörte, wurden andere Klänge hörbar. Der Klang des Windes,
der das Gras streift. Der Klang des Ponys, das seinen Atem beruhigt. Der Klang der
Krähe, die die Flügel faltet. Der Klang des Meeres, das sich in der Ferne wendet.
Und unter all diesen Klängen — die leise Stimme des Fūdo selbst.
Indem ich nicht sprach, konnte ich endlich diese Stimme hören.
Eines Tages fragte ein Gast: „Meister, ist es hier nicht einsam?“ Ich konnte nicht
antworten. Ich öffnete nur das Fenster ein wenig weiter. Durch den Spalt kam der
Wind herein, rüttelte einmal am Mantel des Gastes und ging hinaus. Der Gast
konnte es nicht wissen. Dass dies meine Antwort war.
Wo die Worte verstummen, zieht das Fūdo ein. Und wo das Fūdo eingezogen ist —
wächst ein Bild. Von jener Zeit an verbesserte ich keine einzige zitternde Linie in
meinen Bildern mehr. Das Beben, das ich in jungen Jahren ausgelöscht hätte, ließ
ich stehen. Dass Lebendigsein vor Vollkommensein kommt — das zu lernen
brauchte ich lange.
Jetzt antworte ich mit Bildern statt mit Worten.
X
Ich wurde Fūdo
Ich wurde Fūdo. Heute Morgen öffnete ich das Fenster des Ateliers. Der Wind kam
herein und bewegte den Saum meiner Kleider. Ich wandte mich nicht um. Ich hob
nur den Pinsel.
Als ich zum ersten Mal hierherkam, fürchtete ich alles. Ich fürchtete den Wind, ich
fürchtete den Sturm, ich fürchtete die Stille. Und vor allem — fürchtete ich mich
selbst. Ich fürchtete, mit leeren Händen dazustehen, fürchtete, meinen Namen zu
verlieren, fürchtete, vergessen zu werden.
Aber jetzt fürchte ich mich nicht. Weil ich mit leeren Händen dastand — füllte das
Fūdo meine Hände. Weil ich meine Namen verlor — stieg aus meinem Innern ein
Name auf. Weil ich vergessen wurde — erinnerte sich das Fūdo an mich.
Auf dem Festland malte ich Bilder. In diesem Fūdo — wurde ich eines. Mein
gebeugter Rücken glich dem Rücken des Ponys; mein trübes Auge glich dem Auge
der alten Krähe; meine trockenen Hände glichen der Farbe getrockneten Grases.
Mein Schweigen glich der leisen Stimme des Fūdo.
In der Jugend lernte ich, gut zu malen. Erst im Alter lernte ich, was aufzugeben ist.
Mein Bild kam spät — und wurde eben darum, endlich, mein eigenes.
Jetzt weiß ich. Das Leben ist Verbannung. Aber — die Kunst ist Segen. Ein Segen,
der nur am Ort der Verbannung empfangen werden kann.
Auf dem Festland hatte ich Bilder. Hier — hatte ich das Fūdo. Und das Fūdo nahm
mich in sich auf.
Eines Tages werde ich den Pinsel niederlegen. An diesem Tag wird der Wind
meinen letzten Atem empfangen und ihn zurückgeben — den Feldern, dem Meer,
dem trockenen Gras. Ich trauere nicht darum. Ich bin schon — ein Teil dieses
Fūdo geworden.
Ich bin am Ende zurückgekehrt. Jetzt bin ich angekommen.
— Ende des Monologs des Malers —
Monolog des Bildes
Stille · Leerer Raum · Bleiben